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Die dritte Hauptstadt

Kasan ist von den Gruppenspielorten der deutschen Mannschaft wohl der am wenigsten bekannte. Zu Unrecht. Die Stadt an der Wolga gehört zu den interessantesten in Russland und hat sich in den vergangenen Jahren mit mehreren Großveranstaltungen als moderne Sportmetropole profiliert. Die Weltmeisterschaft mit ihren organisatorischen Herausforderungen zu bewältigen, sollte hier gut gelingen.

Modern ist allerdings das falsche Stichwort für eine erste Annäherung an Kasan. 2005 hielt die Stadt ihre Tausendjahrfeier ab. Das war vielleicht ein bisschen geschummelt, weil nicht die Stadtgründung, sondern die erste Erwähnung aus dem Jahr 1005 datiert. Aber geschenkt, trotzdem beeindruckend. Kasan begann seine Geschichte keineswegs als russische Stadt, sondern in den ersten Jahrhunderten lebten hier Wolgabulgaren und dann Mongolen – genau, Dschinghis Khan. Im 14. Jahrhundert entstand das Khanat Kasan, und hier fallen zwei Stichworte, die auch heute noch wichtig sind: Tatarstan und Islam. Kasan ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan und hat einen hohen islamischen Bevölkerungsanteil, es ist das muslimische Zentrum Russlands. Russisch wurde die Stadt 1552 nach der Eroberung durch Zar Iwan IV. Wie bei Eroberungen üblich, wurde Kasan dabei erst einmal komplett zerstört und dann wieder aufgebaut. Der Kasaner Kreml, ursprünglich als Befestigungsanlage konzipiert und auf den Ruinen des Khan-Palastes errichtet, stammt aus dieser Zeit.

    Das muslimische Russland

    Doch trotz der Unterwerfung der Tataren vor rund 450 Jahren sind ihre Kultur und ihr Erbe in Kasan lebendig, und zwar ganz offiziell. Tatarisch ist neben Russisch Amtssprache, und zur erwähnten Tausendjahrfeier 2005 wurde kein Putin-Denkmal oder eine orthodoxe Kirche gebaut, sondern mit der Kul-Scharif-Moschee das zweitgrößte islamische Gotteshaus in Russland. Die Moschee steht im Kreml neben der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale – eine perfekte Symbolik für das in Kasan geschätzte und vielfach beworbene friedliche Zusammenleben verschiedener Ethnien, Kulturen und Religionen. Ein Grund dafür, dass es in Tatarstan anders als in anderen ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen bis zu Kriegen gekommen ist, dürfte die Lage von Tatarstan und der Hauptstadt Kasan sein: Zum einen ist es schwierig, sich abzuspalten, wenn man nicht am Rand, sondern mittendrin liegt. Zum anderen hat die Lage – zentral und am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga schon früh zu einem Handelszentrum gemacht. Die wirtschaftliche Stärke der Region blieb über die Jahrhunderte erhalten, sie verschaffte der Teilrepublik Tatarstan in der Sowjetunion ebenso Privilegien wie heute in der Russischen Föderation. Deswegen ist das heutige Kasan auch ganz modern – ein Großteil der Stadt vor allem am dem Kreml gegenüberliegenden Ufer ist in den vergangenen zehn Jahren errichtet worden. Dazu gehört auch die Kasan Arena mit ihrer weithin sichtbaren LED-Anzeige. Ein weiteres Signal dafür, dass es Kasan an Selbstbewusstsein nicht fehlt, ist der Beiname „Dritte Hauptstadt Russlands“, den hat sich die Stadt offiziell patentieren lassen.

    Unterwegs in Kasan

    • Das Nebeneinander von Islam und Christentum, Orient und Okzident lässt sich im Kasaner Kreml, der ersten Sehenswürdigkeit der Stadt, gut erkennen. Ein Denkmal für dessen Architekten zeigt einen Russen und einen Tataren. Weit über zwei Glaubensrichtungen hinaus geht es im Tempel aller Religionen, der in seiner Architektur 16 Religionen vereinigen soll, ohne einer den Vorzug zu geben. Das Gebäude liegt am Ostrand der Stadt.
    • Kasan ist eine Stadt mit vielen Bildungseinrichtungen und daher auch berühmten ehemaligen Studierenden. Leo Tolstoi studierte hier ebenso wie Wladimir Iljitsch Lenin. Letzterer beteiligte sich, wie es sich für künftige Revolutionäre gehört, schon als Jurastudent in den 1870er-Jahren an Protesten an der Uni. Am Universitätsplatz steht heute noch eine Statue des jungen Lenin, zudem gibt es ein Lenin-Museum zu besichtigen.
    • Sport, Sport, Sport – neben Fußball wird in Kasan auch Profi-Eishockey gespielt, außerdem Basketball und Volleyball auf hohem Niveau. Hier fanden in den vergangenen Jahren Schwimm-, Fecht- und Bandyweltmeisterschaften statt sowie eine Sommer-Universiade, also die studentischen Olympischen Spiele. Das Gelände der Spiele dient heute als Campus, viele der anderen für die Events gebauten Sporteinrichtungen werden für den Breitensport genutzt. Wenn ihr euch selbst sportlich betätigen wollt, finden sich dafür in Kasan genügend Möglichkeiten – und sei es das Joggen am Fluss.
    • Blaues, nämlich Wasser, und Grünes gibt es in Kasan zur Genüge. Die Stadt liegt schließlich an der Wolga, dem längsten Fluss Europas, und an ihrem Nebenfluss, der Kasanka. Letztere zieht sich durch die Stadt, Erstere liegt am Rand und beide wirken in Kasan teilweise eher wie Seen denn wie Flüsse. Die Uferpromenade an der Kasanka wurde neu gestaltet und bietet neben Ausblicken auch Cafés, Restaurants und im Sommer allerlei Unterhaltungsprogramm. Die Wolga lässt sich eher per Bootstour erkunden, und schließlich gibt es mit den Kaban-Seen in der Stadt noch mehr Wasser. An dessen Rand liegt der 2005 eröffnete kleine Millenium-Park, am Ufer stehen tatarische Holzhäuser, bunt und mit schmucken Verzierungen.

    Fanfest

    Das offizielle Fanfest zur WM findet bei der Schüssel statt. Das klingt mysteriös, würde aber wohl von allen Einwohner*innen Kasans sofort verstanden werden. Der offizielle Name ist Familienzentrum Kasan, das Gebäude wird für Veranstaltungen, vor allem für Hochzeiten genutzt und liegt auf einem Gelände am Ufer der Kasanka. Den Beinamen verdankt es seiner Form, es sieht aus wie ein gusseiserner Topf auf Stelzen. Das Gebäude hat eine Aussichtsplattform, auch für Ledige perfekt für Panoramabilder und Selfies mit der großen Moschee im Hintergrund.


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