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Aus der Heimat #1

Volker Goll von der KOS ist unser Ohr und unsere Augen in der Heimat. Als Deutschland-Korrespondent hat er eine feste Kolumne im HELMUT, die ersten WM-Eindrücke liefert er online.

Die WM-Stimmung in Deutschland würde ich derzeit noch als etwas lau bezeichnen. Auch wenn die üblichen schwarz-rot-goldenen Fanutensilien in jedem Gartencenter, Supermarkt oder bei den kiloschweren Werbebeilagen der Wochenendausgabe meiner Heimatzeitung nur so herausquellen, herrscht eher eine professionell routinierte Stimmung. Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung erzählten beispielsweise von privaten Verabredungen – ein Unding während der WM, finde ich. Na, das wird sich auch noch ändern. Mein Kalender ist gefüllt von den Terminen der Vorrunde: 14, 17 und 20 Uhr (in Deutschland). Okay eine gewisse Vernunft im Vorfeld der WM hat sich auch bei mir eingestellt. Das Kicker-Sonderheft war Pflicht, das Panini-Sammelalbum hab ich mir verkniffen. Einfach zu teuer und zu viele Spieler drin, die gar nicht auflaufen, wenn gleich doch eine gewisse Betrübnis gestern in der S-Bahn aufkam, als Halbwüchsige zwei Sitzreihen vor mir sehr engagiert einen Mohamed Salah gegen zwei Mikael Lustig tauschten.

Immerhin ein Sammelalbum der DFB-Elf habe ich mir an der Supermarktkasse andrehen lassen, da man zudem stets Bildchen beim Bezahlen bekommt. Aber zu Hause dann musste ich bedauernd feststellen: Im Sinne der Weltmeere kann dieses Produkt nicht sein, eine komplette Plastik-Sammelmappe mit ausgestanzten Bilderhalterungen. Zudem ein gewagter Titel, da sich das Teil: „Weltmeister Sonderalbum 2018“ nennt. Klar fährt die deutsche Mannschaft als Weltmeister und Titelverteidiger nach Russland. Aber „Weltmeister 2018“ ist sie ja noch nicht und so was was kommt beim Fußballgott nur bedingt gut an.

Wesentlich länger musste ich bei einer Schokolade mit dem Namen „Flaggenersetzer“ nachdenken, die man „nur im Stehen essen!“ soll. Handelt es sich hier um ein indirektes Statement gegen die Versitzplatzung der Stadien bei internationalen Turnieren? Oder sind das notwendige Verzehrhinweise, weil die Schokolade etwas trocken ist und so besser rutscht? Zudem sind die Bastelhinweise recht interessant: „Flagge entlang der Linie ausschneiden und an einem Schaschlikspieß montieren.“ Ich habe lange überlegt, wann ich zum letzten Mal Schokolade gegessen habe und zeitgleich in der Nähe eines Schaschlikspießes war, womöglich ist das ja eine Hommage an das Gastgeberland. Dort wird das gegrillte Fleisch an Spießen sehr oft angeboten.

Die Eröffnungsfeier war natürlich Pflicht und neben dem üblichen Spektakel mit bunten Fabelwesen, Frauen – warum eigentlich immer nur Frauen in Landesfarben der Teilnehmerländer? – und Robbie Williams, war alles im Rahmen. Wobei man zu Robbie sagen muss, dass er ganz schöne Berührungsängste im Duett mit der russischen Sopranistin Aida Garifullina an den Tag legte. Erst ganz am Ende nahm er schüchtern ihre Hand. Darüber sprach aber wieder einmal niemand, nur über Williams Stinkefinger in die Kamera, der nach wie vor breiten Interpretationsspielraum bot.

Das Spiel der Gastgeber gegen Saudi-Arabien wurde anfangs etwas entschuldigend kommentiert: „Falls Sie sich über das Niveau wundern, hier spielen die beiden Weltrangniedrigsten aller WM-Teams gegeneinander!“. Nach dem 5:0 war dann aber auch das kein Thema mehr. Abseits des Spiels übertrug das TV die gewohnten Winke-Winke-Fanbilder der WM-Karnevalisten auf den Rängen oder zu diesem Anlass mehrfach unverzichtbar die Dreiercombo aus saudischem Kronprinz, FIFA-Chef und russischen Präsidenten. Auch diese drei mächtigen Herren noch in dezenter WM-Stimmung würde ich mal sagen.

Aber in Deutschland wird das schon noch werden, am Wochenende werden die Grills glühen, die Zapfhähne laufen und Sonntagnachmittag dann spätestens die Straßen leergefegt sein.


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