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Lesen für die WM: „Russkij Futbol“

Fußball ist in Russland hinter Eishockey nur die Nummer zwei im Land. Doch aus mehr als 100 zaristischer, sowjetischer und russischer Fußballhistorie gibt es viele interessante Geschichten zu erzählen. Viele davon findet ihr in „Russkij Futbol“

Kennt ihr Eduard Strelzow? Wisst ihr, was Dimitri Schostakowitsch so sehr liebte wie Musik? Und wann Frauenfußball in der Sowjetunion verboten war? – Wenn ja, Glückwunsch, ihr kennt euch aus im russischen Fußball. Wenn nicht, seid ihr die perfekte Zielgruppe für „Russkij Futbol“. Der von Martin Brand, Stephan Felsberg und Tim Köhler herausgegebene Sammelband aus dem Verlag Die Werkstatt ist eine perfekte Vorbereitungslektüre für die Weltmeisterschaft in Russland.

Bereits im Vorwort machen die Herausgeber klar: Fußball in Russland muss sich im WM-Gastgeberland hinter Eishockey einreihen. Dort werden die großen Erfolge gefeiert wie zuletzt bei den Olympischen Spielen Anfang des Jahres. Doch die Fußballgeschichte des Landes ist lang, vielfältig und voller spannender Episoden. Die Beiträge des Bandes liefern zusammengenommen keine systematische oder gar lückenlose Darstellung, doch das ist auch gar nicht das Ziel. „Russkij Futbol“ will, das sagt der Untertitel, ein Lesebuch sein. Und genau so funktioniert es auch. Wer sich mehr für historische Themen begeistert, wird hier ebenso fündig wie jene, die sich für Fankultur interessieren. So geht es um die Anfänge des Fußballs im zaristischen Russland und Länderspiele im Kalten Krieg ebenso wie um die organisierte Fankultur der Sowjetunion samt der Bedeutung der Katastrophe im Luschniki-Stadion von 1982. Im Mittelteil des Buches wird es bunt: Dort finden sich Porträts sowjetischer und russischer Stars aus dem Fußball. Porträts im doppelten Sinne, denn die Kurzbiografien von Lew Jaschin, Andrei Arschawin und Walerij Lobanowskyi werden ergänzt von farbigen Zeichnungen.

Die Porträtserie wird es auch als Ausstellung zu sehen geben – die Eröffnung findet am 7. Juni im Deutsch-Russischen Museum in Berlin statt. Sie ist dort auch während der WM zu sehen. Die Ausstellung kann jedoch auch erworben und parallel, vorher und später gezeigt werden.

Am spannendsten für Fans, die zur WM reisen, sind vielleicht die Einblicke in den aktuellen russischen Fußball. Ob das nun der Beitrag der Soziologin Julia Glathe über die Hooliganszene und ihre Verbindung zur extremen Rechten ist oder der persönlich gehaltene Text des russischen Schriftstellers Ildar Abusjarow. Er ist in Nischni Nowgorod aufgewachsen und hat dort den Aufstieg des lokalen Klubs Lokomotive ebenso wie dessen Niedergang miterlebt. Sein Fazit: Der regionale Fußball hat in Russland keine Zukunft. Denn Fußball ist in Russland kein Geschäft. Die Klubs sind Spielzeuge für Oligarchen, Imageprojekte von Staatsunternehmen oder Lokalregierungen und schlimmstenfalls Instrumente für Geldwäsche und Unterschlagung. „In Russland sind TV-Gelder und Ticketeinnahmen vergleichsweise unwichtig. Knapp zwei Drittel des Umsatzes stammt von Sponsoren“, sagt Martin Brand, einer der Herausgeber von „Russkij Futbol“.

Einiges von dem, was die Beiträge des Buches beschreiben, können sich diejenigen, die selbst zur WM reisen, vor Ort anschauen – die neugebauten Stadien etwa. Und im Gespräch mit den Russinnen und Russen – insbesondere wenn es sich um Fußballfans handelt – schadet es nicht, zumindest einige der großen Klubs zu kennen. Selbst wer sich in Russland gar nicht für Fußball interessiert, kennt einen Namen auf jeden Fall – und das ist Lew Jaschin. Ganz abseits des Fußballs hat Martin Brand für die WM-Gäste vor allem einen Tipp: „Wichtig ist, offen zu sein und aufzunehmen, wie die Stimmung vor Ort ist, wie die Menschen sind. Auch wenn manches für den europäischen Fußballtouristen zunächst befremdlich wirken mag.“

Und was ist jetzt mit Schostakowitsch, den russischen Fußballerinnen und wer ist Strelzow? – Alle Antworten gibt’s in „Russkij Futbol“.

Fanguide-Lesetipp

Martin Brand Stephan Felsberg Tim Köhler (Hrsg.)
Russkij Futbol. Ein Lesebuch
Verlag Die Werkstatt
224 Seiten
16,90 Euro


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