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Vier Wochen Ausnahmezustand

Die Arbeit der mobilen Fanbotschaft bei der WM 2018 in Russland – ein Rückblick und Fazit

Für die deutsche Fanbotschaft war es ein so kurzer Einsatz wie lange nicht mehr, nach drei Spielen und Spielorten war bei der WM in Russland bereits Schluss. Dennoch haben wir viele und vielfältige Eindrücke vom Turnier und den Bedingungen im Gastgeberland sammeln können. Die Fanbetreuung bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland war die elfte, die die KOS seit der Europameisterschaft 1996 verantwortete, auch dieses Mal in enger Kooperation mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ein Service- und Begleitangebot für die reisenden Fans der Nationalmannschaft gibt es schon seit der WM 1990, zuvor wurde es durch die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der Fanprojekte organisiert.

Die WM 2018 war nicht das erste internationale Turnier, das für das Nationalteam und damit auch für die Fanbetreuungsmaßnahme schon nach der Vorrunde endete, jedoch die erste Weltmeisterschaft. So begleitete das insgesamt 15-köpfige Team der Fanbetreuung die Fans aus Deutschland, die sich zur WM nach Russland aufgemacht hatten, um die Mannschaft bei der erhofften Titelverteidigung zu unterstützen, leider nur durch die drei Spielorte Moskau, Sotschi und Kasan.

Wachsende Distanz

Im Rahmen unserer Arbeit kommen wir ins Gespräch mit Hunderten Fans der deutschen Mannschaft, wir können zu Recht behaupten, einen umfassenden und tiefgründigen Einblick in die Stimmungslage der Anhänger*innen zu erhalten. Welche Erfahrungen haben die deutschen Fans also gemacht, welche Eindrücke nehmen sie mit aus dem Gastgeberland? Haben sich die Befürchtungen zum Thema Sicherheit bewahrheitet und wie haben sie die Stimmung in den Stadien empfunden?

Zwischen 5.000 und 7.000 Fans unterstützten die Mannschaft bei den drei Spielen in Russland. Das war für viele langjährige Beobachter einigermaßen enttäuschend, gerade vor dem Hintergrund, dass dem Team sportlich gute Chancen eingeräumt wurden, ihren Titel aus Brasilien zu verteidigen. Am deutlichsten wurde die vergleichsweise geringe Zahl beim Auftaktspiel gegen Mexiko im Luschniki-Stadion, dem größten des Turniers. Nur gut 5.000 deutsche Fans waren bei diesem Spiel im Stadion, verhältnismäßig viele allerdings waren zuvor noch auf der Suche nach Karten.

Wir glauben, dass es für die insgesamt geringe Zahl eine Vielfalt von Gründen gibt. Sicherlich hatte die Berichterstattung über die politische Situation in Russland Anteil daran, gerade in Verbindung mit den sich zuspitzenden Konflikten – um die Kriege in Syrien und der Ost-Ukraine sowie die Skripal-Affäre – zwischen Europa und dem WM-Gastgeber. Zudem ist Russland, obwohl deutlich näher gelegen als Brasilien, für Westeuropäer alles andere als ein klassisches Reiseziel. Sicher gab es auch Sorgen um die Aufenthaltsbedingungen vor Ort und in Bezug auf das Thema Sicherheit. Und schließlich dürften auch fußballimmanente Gründe eine Rolle gespielt haben. Fans, die noch vor 15 oder 20 Jahren den harten Kern der Nationalteamfanszene dargestellt haben, fühlen sich durch die Art und Weise, wie die FIFA Weltmeisterschaften organisiert, abgeschreckt. Im durchchoreografierten Ablauf einer WM vermissen sie das Gefühl eines authentischen Stadionerlebnisses. Diese Erfahrung wird noch verstärkt durch eine in Russland deutlich zu spürende Entfremdung der deutschen Fans von ihrer Nationalmannschaft. Mehrfach haben wir in Gesprächen mit den Fans den Wunsch nach mehr Nähe und einer größeren Gemeinsamkeit – zwischen ihnen und Mannschaft, aber auch unter den Fans – gehört. So drehten sich viele Fragen an der Fanbotschaft um öffentliche Trainingseinheiten der Nationalmannschaft, um Treffpunkte vor dem Spiel oder die Möglichkeit, wenigstens gemeinsam zum Stadion zu laufen.

Auffällig – und regelmäßig beim Verteilen unseres Fanzines HELMUT zu merken – war, dass viele Fans in Deutschland-Trikots gar nicht aus Deutschland kamen. Zumeist waren es Russen oder Russinnen, die die deutsche Mannschaft unterstützten, aber auch aus China und Ostasien schienen überraschend viele Fans der Nationalmannschaft nach Russland gekommen zu sein.

Die Arbeit der Fanbotschaft

Die Fanbotschaft war in den drei Spielorten Moskau, Sotschi und Kasan am Tag vor dem Spiel, am Spieltag sowie am Tag nach dem Spiel geöffnet. So viel stand schon vor der WM fest, allerdings war es bis kurz vor Turnierstart trotz monatelanger intensivster Bemühungen von DFB, KOS und insbesondere der Deutschen Botschaft in Moskau nicht gelungen, offizielle Genehmigungen für Standorte der mobilen Fanbotschaften in den jeweiligen Spielorten zu erhalten. Die Verunsicherung auf unserer Seite war groß, Alternativmodelle für die Arbeit wurden schon konkret durchgespielt. Wenige Tage vor dem ersten Spiel gelang dann unseren Partnern von der russischen Fanbotschaft gemeinsam mit Football Supporters Europe (FSE) der Durchbruch. Über eine Kooperation mit der offiziellen Tourismusbehörde wurde es möglich, die Fanbotschaften an deren Infrastruktur anzudocken. Damit war gewährleistet, dass die Standorte unseren Bedürfnissen nach zentraler Lage und guter Erreichbarkeit entsprachen. Mit entsprechender Flexibilität unsererseits und durch die Unterstützung der Angestellten in den jeweiligen Tourismusinformationen gelang es, den deutschen Fans unseren Service vollumfänglich zur Verfügung zu stellen.

Im Rückblick erwiesen sich alle vier Standorte – in Sotschi bzw. Adler gab es zwei – als sehr gut geeignet. Die riesige Metropole Moskau und der spezielle, eher künstliche, Ort Adler stellten uns vor besondere Herausforderungen. Gibt es außer dem Roten Platz in Moskau, für den wir leider keine Genehmigung erhielten, einen weiteren Ort, wo sich Fans potenziell versammeln würden? Und wo treffen sich Fans im Küstenort Adler, 30 Kilometer von Sotschi entfernt, in der Nachbarschaft des ohne Olympische Spiele eher tristen Olympiaparks? Trotz einiger Hürden erwiesen sich die jeweiligen Standorte als gut geeignet und wurden von vielen Fans aufgesucht. Über die mobile Verteilung unseres Fanzines HELMUT erreichten wir schließlich auch viele der Fans, die nicht an der Fanbotschaft vorbei kamen. In Kasan war die Fanbotschaft, wie es immer unser Bestreben ist, in der zentralen Fußgängerzone gelegen, hier zeigte sich das ganze Potenzial eines solchen Standortes für die Arbeit der Fanbotschaft. Es gab über zwei Tage so gut wie keinen Moment, an dem nicht irgendjemand mit Fragen an unserem Stand vorbeikam. So war es sogar noch am Tag nach dem letzten Gruppenspiel gegen Südkorea und dem WM-Aus. Leider war damit alles viel schneller vorbei als gedacht.

Zum Fanbetreuungskonzept gehört es auch, Fanbegegnungen herzustellen, so etwa Fanfreundschaftsspiele, die vom Fan Club Nationalmannschaft veranstaltet werden. Dies wurde auch in Russland wieder erfolgreich durchgeführt. Auch an dieser Stelle war die russische Fanbotschaft von zentraler Bedeutung und eine große Unterstützung bei der Kontaktaufnahme zu Fans aus Russland und der Vermittlung von Spielorten.

HELMUT & Website

Während der WM in Russland erschienen die Ausgaben 29, 30 und 31 unseres Fanmagazins Helmut, das wir seit der WM 2010 in Südafrika kontinuierlich zu jedem Turnierspiel produzieren. Die Hefte, die wie immer mit einer Mischung aus Informationen zu Spielorten, Sport, russischer Kultur und Fankultur erschienen und jeweils vor Ort gedruckt werden, erfreuten sich wieder großer Beliebtheit bei den deutschen Fans. Häufig suchten diese gezielt die Fanbotschaft auf, um sich „ihr“ Exemplar zu sichern. Dabei scheuten sie auch weite Wege nicht.

Der kleinen Redaktion, die nicht nur die Zeitung, sondern auch noch die Website und den Facebook-Auftritt betreute, wird von den Fans großer Respekt entgegengebracht. Recht oft bemerkten sie, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, zu jedem Spiel ein neues, unterhaltsames und informatives Heft in die Hand gedrückt zu bekommen. Für das Team der Fanbotschaft ist die Verteilung des HELMUT darüber hinaus eine große Chance, mit den Fans ins Gespräch zu kommen und mehr über ihre Erfahrungen und Erlebnisse beim Turnier zu erfahren.

Zusammenarbeit auf nationaler Ebene

Die Fanbotschaft funktioniert dank einer engen und intensiven Kooperation vieler Beteiligter. An erster Stelle ist hier der DFB zu nennen, der auch dieses Mal wieder, wie ununterbrochen seit 1990, diese unabhängige Fanarbeit finanziert und durch sein Personal auch inhaltlich mitgestaltet. Es sei an dieser Stelle explizit darauf hingewiesen, dass der DFB der einzige Verband weltweit ist, der dies in dieser Form und Konstanz tut. Einige weitere, wie der belgische, der englische oder der Schweizer Fußballverband, ziehen mittlerweile nach. Vielleicht helfen die guten Erfahrungen in Russland, dass sich zukünftig auch die FIFA stärker dieses Themas annimmt. Denn auch 2018 schenkte der Weltverband dem Thema Fanarbeit nur eine nachgeordnete Aufmerksamkeit. Immerhin waren wir durch eine Kooperation von FSE mit der FIFA-Sicherheitsabteilung in die Lage versetzt, dank der hierüber zur Verfügung gestellten Akkreditierungen, auch im Stadion zumindest ansatzweise den Fans zur Seite zu stehen. So konnten wir beispielsweise bei Problemen am Einlass oder bei Konflikten um mitgebrachte Zaunfahnen vermitteln. Beim Thema Fanarbeit unterscheidet sich die FIFA deutlich von der UEFA, die seit der Europameisterschaft 2004 die Arbeit der Fanbotschaften bei ihren Turnieren inhaltlich und finanziell unterstützt und diesen Aspekt als Modul in ihr Austragungskonzept aufgenommen hat.

Sehr bedeutsam für den Erfolg der mobilen Fanbotschaft ist die Unterstützung durch die jeweiligen Auslandsvertretungen Deutschlands, bei der WM 2018 war dies konkret die „richtige“ Deutsche Botschaft in Moskau. Sie transportierte und flankierte schon Monate im Voraus auf diplomatischer, institutioneller und politischer Ebene die Anforderungen der mobilen Fanbotschaft in das Austragungsland. Zusätzlich unterstützte sie dann das Team der Fanbotschaft an den Spielorten mit eigenem Personal. So waren immer drei Mitarbeiter*innen an der mobilen Fanbotschaft präsent und konnten nicht nur in direkten Kontakt mit den deutschen Fans treten, sondern in einigen Fällen, z.B. bei gestohlenen Portemonnaies, ganz praktisch helfen. Die Zusammenarbeit war äußerst angenehm und vertrauensvoll. Die Rückmeldungen der Fans darüber, dass auch Personal der „richtigen“ Botschaft bei uns präsent war, waren durch die Bank positiv. Wir haben aber auch den Eindruck, dass es den Mitarbeiter*innen der Botschaft großen Spaß gemacht hat, mit den Fans auf der Straße in Kontakt zu kommen – etwas, was im diplomatischen Dienst sicher nicht so häufig und in dieser Intensität vorkommt.

Internationale Zusammenarbeit

Auf der Ebene der internationalen Zusammenarbeit sticht die Kooperation mit der europäischen Fanorganisation FSE und für die WM 2018 in Russland ganz konkret die Zusammenarbeit mit der russischen Fanbotschaft heraus. FSE vereint unter seinem Dach ein stetig gewachsenes Netzwerk internationaler Fanbotschaften, die regelmäßig bei Europameisterschaften im Einsatz sind und dort immer eng zusammenarbeiten. Dieses Netzwerk stellte FSE auch den Organisatoren der WM zur Verfügung. So kooperierten in Russland Fanbetreuer*innen aus insgesamt zehn teilnehmenden Nationen. Dass die Zahl nicht höher war, lag unter anderem auch daran, dass nicht nur die FIFA, sondern auch das russische Organisationskomitee dem Themenfeld Fanbetreuung nur nachgeordnete Bedeutung zukommen ließ. Es war schließlich FSE und der russischen Fanbotschaft zu verdanken, dass kurzfristig eine Kooperation mit den Tourismusinformationen eingegangen werden konnte. Dadurch konnten wir in Moskau und Kasan deren Standorte und hervorragende Infrastruktur mitnutzen. Aber auch kommunikativ profitierten wir außerordentlich vom FSE-Netzwerk. Hier liefen alle Informationen der internationalen Fanbotschaften zusammen. So konnten wir vor dem Spiel gegen Schweden konkret von den Erfahrungen der belgischen Fanbotschaft aus Sotschi profitieren wie vor dem Spiel gegen Südkorea von den Erfahrungen unserer polnischen Kollegen für Kasan, deren Mannschaften dort zuvor gespielt hatten.

Vor Ort waren die Kolleg*innen der russischen Fanbotschaft, insbesondere Elena Erkina, unser zentraler Ansprechpartner, wenn es um die Standorte der Fanbotschaften und die Kontakte in die nächsten Spielorte ging. Ohne deren unglaublichen Einsatz, gerade vor dem Hintergrund der extrem kurzen Vorlaufzeit, wäre unser Angebot in dieser Form nicht möglich gewesen. Zudem unterstützten sie uns bei der Suche nach geeigneten Druckereien in den einzelnen Standorten.

Atmosphäre in den Städten

Fankulturell wurde die WM durch die Fans aus Mittel- und Südamerika dominiert. Jeweils zehntausende aus Mexiko, Peru, Kolumbien oder Argentinien nahmen mit ihren Gesängen die Straßen und die Metros in Beschlag und sorgten so für eine beeindruckende Fußballatmosphäre. Die Fans trafen hierbei auf Sicherheitsorgane, die sich im Hintergrund hielten und den Fans den nötigen Spielraum ließen.

Das schon fast obligatorisch vor internationalen Turnieren durch viele Medien hochgekochte Problem möglicher Hooligangewalt spielte während der vier Wochen keine Rolle, die Arbeit der russischen Behörden war hier offenbar effektiv. Für uns, ebenso wie für die meisten Fachleute und unsere Kolleg*innen in Russland, war dies nicht überraschend. Leider müssen wir aber davon ausgehen, dass sich das Muster einer nur selten differenzierten Berichterstattung in Bezug auf Fangewalt auch bei den kommenden Turnieren wiederholen wird.

In den Gesprächen mit den Fans aus Deutschland zeigte sich, dass die Eindrücke in Bezug auf das Gastgeberland und seine Einwohner*innen nahezu einhellig positiv waren. Die Russinnen und Russen wurden als offen und gastfreundlich empfunden. Viele Fans berichteten auch, dass sie dies so nicht erwartet hätten. Auch die Atmosphäre in den Städten, dort, wo sich viele Fans aus den teilnehmenden Nationen versammelten, wurde als entspannt und gastfreundlich beschrieben. In dieses Urteil wurde auch das Auftreten der russischen Sicherheitsbehörden eingeschlossen. Im Wissen um das Verbot, öffentlich Alkohol zu konsumieren, reagierten viele Fans auf amerikanische Weise und versteckten ihr Bier in blickdichte Papiertüten. Auch dies wurde allerorten von der Polizei toleriert.

Nicht alle, aber viele Fans äußerten in Gesprächen mit uns jedoch auch ein Bewusstsein darüber, hier eine Ausnahmesituation zu erleben, die mit Abschluss des Turniers wieder in einen anders gearteten Alltag übergehen würde. Wir sind überzeugt, dass die Begegnungen mit den Menschen in Russland von großem Wert für beide Seiten sind. Sie dienen Gästen wie Gastgebern dazu, die eigenen, auch durch die Medien verbreiteten Vorurteile in Frage zu stellen. Gerade in Zeiten, in denen schnell mit Schubladendenken und Klischees hantiert wird, ist das eine nicht zu vernachlässigende Nachwirkung der WM.

Atmosphäre in den Stadien

Vermutlich wird die Mehrheit der Zuschauer, die das Turnier daheim am Bildschirm verfolgt hat, den Eindruck haben, dass die Atmosphäre in und rund um die Stadien gut war. Das sah die Mehrheit der reisenden Fans, die regelmäßig auch Spiele der Nationalmannschaft auswärts in der Qualifikation in den Stadien verfolgt, jedoch anders. In aller Kürze seien an dieser Stelle zwei Aspekte erwähnt: Viele Fans wünschen sich, dass seitens der Organisatoren mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fans aus den jeweiligen Teilnehmerländer genommen wird. Hauptkritikpunkt, und nicht erst seit diesem Turnier, ist es, dass es die Ticketpolitik der FIFA verhindert, dass die Fans eines Teams sich in einem Stadionbereich zusammenfinden. Dies war nicht der Fall und so war es schwer, eine lautstarke Unterstützung für die Mannschaft zu organisieren. Zudem wurden auch die hohen Ticketpreise und das komplizierte und undurchsichtige Verkaufssystem kritisiert, bei dem ein Großteil der Karten bereits verkauft wird, noch ehe die einzelnen Begegnungen feststehen. Dies führt immer wieder dazu, dass Tickets zu überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt landen. Besonders deutlich haben wir dies beim Spiel gegen Mexiko in Moskau wahrgenommen, wo viele deutsche Fans vor dem Stadion noch auf der Suche nach Karten waren und zeitgleich Sponsorengruppen an ihnen vorbei ins Stadion gingen. Fans berichteten uns von Schwarzmarktpreisen jenseits der 1.000 Dollar.

Zweiter Hauptkritikpunkt war das Ausmaß der Kommerzialisierung, das sich insbesondere im Umfeld der Stadien in der Vielzahl der Sponsorenstände zeigte. Hier werde, so Tenor vieler Fans, überaus deutlich, dass es dem Fußballweltverband nicht in erster Linie um den Sport gehe, sondern um eine Präsentation der Sponsoren. Auch unser Eindruck ist, dass die Fans auf vielen Ebenen in eine Konsumentenhaltung genötigt werden, wozu auch die extrem lautstarke Beschallung in den Stadien beitrug, die abgesehen von den 90 Minuten Fußball, allgegenwärtig war.

Kommen wir abschließend von der akustischen zur realen Umweltverschmutzung: Wie schon bei der WM 2014 hat die FIFA auch zur WM 2018 ein Nachhaltigkeitskonzept propagiert, in dem unter anderem auch dem Schutz der Umwelt eine zentrale Rolle zukommen soll. Vielleicht sollte beim nächsten Turnier nicht das System der Müllbeseitigung im Mittelpunkt stehen, sondern eines der Müllreduzierung. Es ist für aufmerksame und umweltbewusste Stadionbesucher*innen nicht nachvollziehbar, weshalb alle (!) Getränke entweder aus Dosen oder PET-Flaschen in Plastikbecher umgefüllt werden, für die es noch dazu nicht einmal ein Pfandsystem gibt. Hinzu kommt der zusätzlich irritierende Fakt, dass viele der Pfandbecher offenbar mit Knopfzellen ausgestattet gewesen sein müssen, da sie beim Trinken blinkten und leuchteten.

Fazit der Fanbetreuung

Die große Mehrzahl der reisenden Fans aus Deutschland wird den Besuch der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland, abgesehen vom sportlichen Verlauf, in positiver Erinnerung behalten. Dazu trugen freundliche und an den ausländischen Gästen interessierte Russinnen und Russen bei, aber auch neugierige und ebenfalls an Begegnungen interessierte Gäste aus Deutschland. Diese konkreten Begegnungen vor Ort haben aus unserer Sicht die größte Bedeutung, können sie doch dazu beitragen, Vorurteile auf beiden Seiten in Frage zu stellen. Die Begegnungen, wenn sie in größeren Gruppen auf öffentlichen Plätzen stattfanden, wurden von der russischen Polizei toleriert. Dies trug ebenfalls zur insgesamt gastfreundlichen Atmosphäre bei. Eine erhebliche Skepsis, sowohl auf deutscher wie auch auf russischer Seite, ob dies auch nach der WM so bleiben wird, war deutlich zu spüren.

Das in Russland eingesetzte System der Fan-ID, das eine Voraussetzung für den Zutritt zum Stadion war, gleichzeitig aber auch Ersatz für ein reguläres Visum, stieß eben aufgrund dieser Doppelfunktion bei den WM-Fans auf Akzeptanz und hat in der Regel gut funktioniert. Unsere Erfahrung zeigt, dass am Einlass nur das Vorhandensein einer Fan-ID relevant war. Ob das Ticket auf die jeweilige Person ausgestellt war oder nicht spielte keine Rolle und wurde nicht geprüft.

Dennoch gab es auch mit der Fan-ID einzelne negative Erfahrungen. Deutsche Fans wandten sich an uns, weil ihre Fan-ID, die sie beantragt und bewilligt bekommen hatten, unmittelbar vor Antritt ihrer jeweiligen Reisen für ungültig erklärt wurden. Dies jeweils ohne Angabe von Gründen per SMS oder E-Mail. Durch den breiten internationalen Austausch erfuhren wir, dass dies nicht nur Fans aus Deutschland widerfuhr, sondern z.B. auch australischen Fans davon betroffen waren, darunter sogar ein im Rollstuhl sitzender Anhänger. Für die Betroffenen, die mit der genehmigten Fan-ID und ihren Eintrittskarten ihre Reisen – Flüge, Unterkünfte - geplant hatten, bedeutete dies nicht nur einen immensen materiellen Schaden, sondern auch eine nicht aufzulösende Ungewissheit über die Gründe des kurzfristigen Entzugs der Fan-ID. Damit einhergehend blieb den betroffenen Fans auch keine Möglichkeit, sich auf irgendeiner Ebene juristisch zu wehren. Aus Deutschland waren mindestens sieben Fans betroffen, aus Australien meldeten die Kollegen aus dem Netzwerk mindestens elf betroffene Fans der Socceroos.

Trotz der relativen Nähe zu Deutschland und angesichts der aus Fansicht sicher nicht optimalen Voraussetzungen der beiden kommenden Turniere – die Euro 2020 in zwölf Ausrichterländern und die WM 2022 in Katar – besuchten so wenige deutsche Fans wie lange nicht die drei Spiele des deutschen Teams. Eine der großen Aufgaben des deutschen Fußballs für die nahe Zukunft wird darin bestehen, die Gründe für das nachlassende Interesse an der Nationalmannschaft, das sich nicht nur bei dieser WM, sondern bereits zuvor gezeigt hat, zu finden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aus den Rückmeldungen, die wir an der Fanbotschaft bekommen haben, lässt sich klar der Wunsch nach einem stärkeren Miteinander unter den Fans sowie zwischen Fans und Mannschaft erkennen. Auch eine bessere Einbeziehung der Fans wurde uns gegenüber häufig angemahnt. Wir glauben, dass dies wichtige Hinweise sind – es gibt bei den Fans großen Gesprächsbedarf. Nicht nur, aber auch zur Thematik rund um Mesut Özil und Ilkay Gündogan und zum Krisenmanagement des Verbandes.

Die Signale, die wir in Russland und auch danach empfangen haben, zeigen uns, dass es im Verband eine Bereitschaft gibt, sich diesen Themen zuzuwenden. Die KOS steht an dieser Stelle natürlich sehr gerne mit Rat und Tat zur Verfügung.
Frankfurt am Main, 30. Juli 2018


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