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Za stolom – Auf Wodka gebaut

Ingo Petz von „Fankurve Ost“ ist in unserem Fanbotschaftsteam als Experte für Sprache, Kultur und Landeskunde dabei. In seiner Rubrik „Za stolom“, Zu Tisch, geht es um die wichtigen Dinge. Denn die werden in Russland genau dort besprochen: am Küchentisch.

Jetzt wird es ernst, liebe Leute! Da hilft kein Wegducken, kein Verstecken. Denn es geht um das russische Kulturgut schlechthin: um den Wodka, um das Wässerchen, wie die Russen das hochprozentige Flüssige nennen.

Russland ist auf Wodka gebaut. Das ist kein Witz. Russland ist so engmaschig mit Wodka verwoben, dass man von einem grandiosen Kunstwerk sprechen könnte – wenn die Folgen der Liaison zwischen Schnaps, Politik, Wirtschaft und autokratischem Staat nicht derart katastrophal wären. Rund 14 Liter Alkohol werden in Russland jährlich von jedem der 144 Millionen Einwohner konsumiert. Ein Viertel der russischen Männer erreicht das 55. Lebensjahr nicht. Etwa 30.000 Menschen sollen jedes Jahr an Alkoholvergiftung sterben – mindestens.

Das Unheil nahm im 16. Jahrhundert seinen Lauf. Bis dahin tranken die Russen den aus vergorenem Getreide hergestellten „Kwas“, Bier und Honigwein. Die Kunst des Destillierens war im Zarenreich angekommen. Ob der erste Wodka in Polen oder in Russland gebrannt wurde, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Was sich aber sagen lässt: In Russland tropfte der aus Roggen, Weizen und Wasser hergestellte Branntwein auf besonders fruchtbaren Boden. Doch nicht etwa die wilde russische Seele oder das raue Klima begünstigten den Siegeszug des Wodkas. Es war die Politik der Zaren.

Im 16. Jahrhundert brachte eine Agrarreform ungeahnte Getreideerträge, die irgendwie genutzt werden mussten. Iwan der Schreckliche erkannte: Wodka ist ein leicht herzustellendes Getränk, mit dem sich Geld verdienen lässt. Der Zar, selbst ein notorischer Trinker, übernahm die Wodkaproduktion und zwang die Wirte dazu, das Getränk zum Wohle des Staates an das durstige Volk zu bringen. Sie fungierten als „Scharnier“ zwischen Zar, lokalen Fürsten und Bauerngesellschaft und mussten dafür sorgen, dass der Rubel rollte. Wodka wurde in großzügigen 100-Gramm-Portionen ausgeschenkt (das Gramm ist die bis heutige gültige Maßangabe beim Wodka-Ausschank). Die Landbevölkerung soff sich um Kopf und Kragen und bereicherte so: den Zaren.

Bis zum Ende der Sowjetunion generierte der Staat – mit einigen Ausreißern – rund ein Drittel seines Haushaltes aus dem Wodka. Mal über Steuern, die Zaren wie Peter der Große erhoben. Mal über das Produktionsmonopol, das der Staat Ende des 19. Jahrhunderts und in der Sowjetunion besaß. Berüchtigt waren die Sitzungen des Zentralkomitees unter Stalin, die regelmäßig in Sauforgien endeten. Noch heute machen die Einnahmen aus dem Wodkaverkauf mit etwa 1,4 Milliarden Euro rund ein Prozent des russischen Staatshaushaltes aus. Boris Jelzin, dessen alkoholbedingte Eskapaden 1990ern für Vergnügen sorgten, ließ das Wodkageschäft privatisieren. Putin, der 2000 das Zepter von Jelzin übernahm, holte den Wodka zumindest teilweise wieder in den staatlichen Hafen zurück. Aus finanziellen Gründen.

Richtig trinken

Für angehende Russlandversteher gehört auch das richtige Wodkatrinken zum Lernprogramm:

1. Niemals nur Wodka trinken, ohne was zu essen. In Restaurants gibt es spezielle zakuski (Imbisse) zum Wodka: Gewürzgurken, Speck, Brot.

2. Wer alleine trinkt, gilt als Alkoholiker – sagt ein russisches Sprichwort.

3. Tomatensaft, Wasser oder Birkensaft bestellt man sich zum Nachtrinken, nicht zum Mixen!

4. „Na zdorowje!“ ist kein russischer Trinkspruch. Stattdessen trinkt man auf das Treffen (za vstrechu), auf die Liebe (za ljubow) oder auf die Freundschaft (za druzhbu).


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